Josl, der Setrequisiteur vom Tatort Franken: Ein Mann für alle Fälle

Johannes „Josl“ Wild, ist Setrequisiteur bei Kino und Film

Diese Geschichte hat einen langen Vorlauf. Der „Josl“ ist der Sohn einer alten Freundin. In der Familie galt er als Exot und von sich selbst behauptet er „ich bin ein totaler Chaot“. Seine Wohnung ist voll tapeziert mit Terrarien und exotischen Fundstücken. Doch im Beruf ist er ein super-organisierter Vollprofi – ausgerechnet als Setrequisiteur. Der Mann, der beim Film, ob Kino, Serie oder Tatort alles punktgenau beschaffen, herrichten, zureichen muss.

Er war mir außerdem ein freundlicher, charmanter, offener Gesprächspartner.

Das Interview für diesen Text war jedenfalls ein ungetrübtes Vergnügen, geführt im April 2021, während der #TatortFranken für 2022 in Nürnberg gedreht wurde.

Vielen Dank an den Bayerischen Rundfunk, ganz besonders Gesine Pucci, für die freundliche und professionelle Unterstützung, ebenso an die PR Agentur Heike Ackermann, München.

Die Fotos vom Tatort-Drehort stammen von ©BR/Hagen Keller.

Schauspielerin Eli Wasserscheid (Rolle: Wanda Goldwasser) mit Setrequisiteur Jo Wild bei den Dreharbeiten. ©BR/Hagen Keller

Während der Sendetermin für den Tatort Franken 2021 „Wo ist Mike?“ (So., 16. Mai 2021, 20.15 Uhr) näher rückte, endeten fast zeitgleich die Dreharbeiten für den nächsten, den achten Kriminalfall dieser populären Reihe, der 2022 unter dem Titel „Warum“ (Regie: Max Färberböck) ausgestrahlt werden wird. Das Stamm-Team der Darsteller der Tatort-Mord­ermittlung Dagmar Manzel, Fabian Hinrichs, Eli Wasserscheid, Andreas Leopold Schadt und Matthias Egers­dörfer hat die Koffer schon gepackt, da war Setrequisiteur Johannes Wild noch beschäftigt, an den Drehorten „klar Schiff“ zu machen.

„Klar Schiff machen“ ist gar nicht die schlechteste Umschreibung für den Beruf des Setrequisiteurs, dessen Aufgaben der 33-jährige in Auerbach in der Oberpfalz geborene, in Nürnberg aufgewachsene Wild selbst so beschreibt: „Ich bin für alles zuständig, was Schauspieler*innen während des Drehs brauchen, um eine Szene zu spielen.“ Wenn also ein späteres Filmopfer ein blutverschmiertes Mobiltelefon benötigt, der Kommissar am Feierabend ein Bier aus der Flasche trinkt und eine Jazzplatte auf den Plattenteller legt, die Zeugin einen Regenschirm aufspannt, dann hat „der Josl“, wie sie ihn am Set nennen, die Utensilien von der Außenrequisite übernommen, hergerichtet, zugereicht. Das geht vom winzigen Detail bis zur Ausstattung von Räumen. Wenn im Drehbuch steht, dass der flüchtige Verbrecher im Auto über einen Kiesweg rast, dort nach einem Regenguss aus Pfützen schmutziges Wasser hochspritzt, kann es vorkommen, dass die Pfützenmulden erst gegraben und mit Wasser befüllt werden müssen. Und das Fahrzeug bekommt nach der Fahrt eine Schlammschminke.

Der Setrequisiteur ist ein Mann für alle Fälle, er muss dem Darsteller die Funktionen des Autos erklären, Nummernschilder drucken lassen und anbringen, Waffen vorbereiten, den Koffer bereitstellen, den eine verzweifelte Darstellerin 15 Meter über die Klippen wirft. Derjenige, der ihn anschließend dort unten wieder aufklaubt, ist der Josl, wie er sich an Dreharbeiten in Kroatien für „Verliebt in Kroatien“ (ARD-Spielfilm, Regie: Bruno Grass) erinnert. „Beim Film ist immer Zeitdruck, es geht um halbe Minuten, keine Sekunde darf verschwendet werden, denn Filmteams sind extrem teuer“, sagt Wild, der schon sehr jung, zu Schülerzeiten, in diese Aufgaben hineinwuchs.

Drehen zu Corona-Zeiten.                                              ©BR/Hagen Keller

Denn Josl, eigentlich Johannes, hat einen Onkel gleichen Namens. Johannes Wild der Ältere ist ein deutscher Großmeister der Requisite, ein Name, den die Eingeweihten mit Ehrfurcht aussprechen. Dieser hat dem Neffen die fixe Idee seit früher Kindheit vermittelt, hat ihn beim Bauen und Basteln angeleitet und zu Filmsets mitgenommen. Als Junge schon hat Josl begonnen, daheim eine Geisterbahn zu bauen, ein nie ganz fertig gestelltes Mammut-Projekt in Originalgröße, das heute noch in Neuhaus an der Pegnitz besichtigt werden kann und bald nach Leipzig umziehen wird. Nach der Mittleren Reife hat er sich überreden lassen und eine Ausbildung als Veranstaltungs­techniker bei der Münchner Messegesellschaft absolviert. „Das wollten die Eltern, damit ich was Anständiges gelernt hab“, murmelt der schlaksige, fast 1,90 Meter große, jungenhaft wirkende Wild. „Am Filmset fragt Dich keiner nach ‘ner Ausbildung. Du musst dort funktionieren, dich in das Team fügen, sodass alles reibungslos ineinander­greift. Die Leute dort haben die schrägsten Biografien und alle möglichen Berufe.“

Stets gehörte Josl Wild zu den Jüngsten, seine Filmvita ist spektakulär: 2001 – mit 13 Jahren – hat er als Ausstattungs­praktikant beim Kinofilm „Resident Evil“, (Regie: Paul W. S. Anderson; mit Milla Jovovich in der Hauptrolle) mitgewirkt, 2003 bei (T)Raumschiff Surprise“ (Regie: Michael „Bully“ Herbig), 2005 war er bereits beim Bühnenbau für „Das Parfüm“ (Regie: Tom Tykwer) beschäftigt. „Die Filmwelt ist überschaubar. Man muss sich bewähren, dann wird man wieder angefragt. Wenn Du Mist baust, bist Du schnell weg vom Fenster“, erläutert Wild die Vertriebsstrategie in eigener Sache.

Zeitbegriffe sind beim Filmdreh relativ – während in der Filmkulisse am Drehtag alles in Sekundenschnelle bereit sein muss, hat Wild als Setbauer auch schon mal ein halbes Jahr daran gearbeitet, ein Dorf in Vorarlberg aufzubauen, Häuser aus dem Tal ins Gebirge geschafft, damit eine eigens gesprengte Lawine eben diese Siedlung für den Film mitriss und in Sekunden ins Tal donnerte und („Der Atem des Himmels“, österreichischer Spielfilm aus dem Jahr 2010 unter der Regie von Reinhold Bilgeri, der seinen eigenen Roman verfilmte). Für Roland Emmerich hat er monatelang Pyramiden und Kräne im Maßstab 1:24 gebaut, außerdem am Schiffsbau mitgewirkt, das für Dreharbeiten zerlegt, nach Südafrika verfrachtet und erneut aufgebaut wurde (10.000 B.C., amerikanischer Kinofilm, 2008).

Die Maske hat Josl Wild für einen Kunden angefertigt – und vom eigenen Gesicht abgenommen.                                                      Foto: privat

Die Filmarbeit ist kaum mit anderen Berufen zu vergleichen. Eine Tatortfolge mit 90 Minuten wird in vier bis sechs Wochen abgedreht. Spezialisten-Teams arbeiten unter Zeitdruck einen Drehplan ab, der nichts mit der Reihenfolge der später montierten Filmszenen zu tun hat. Lange Schichten sind eher die Regel als die Ausnahme. Zwar liest Josl Wild vor dem Start das ganze Drehbuch und besitzt den Überblick, aber das große Ganze steht für ihn bei der täglichen Arbeit nicht im Vordergrund. „Während ich arbeite, bin ich ganz in diesem Augenblick, in dem Kleinigkeiten zählen“, erzählt er. Meist wird die gleiche Szene x-mal abgedreht, aus verschiedenen Blickwinkeln. Das Licht, die Position der Scheinwerfer wird mehrmals geändert. Verschiedene Kameraeinstellungen gehören zum Standard; dann wird auch mal ein Raum umgestaltet, werden Möbel im Zimmer verrückt und müssen anschließend exakt zurückgestellt werden. Stand auf dem Tisch ein Aschenbecher mit zwei Zigarettenkippen vorne links, so gilt es das zu merken und wieder genauso zu platzieren. Verlässt ein Darsteller den Raum laut Drehbuch mit Hut in der Hand, ist es Josls Job, die Kopf­bedeckung zu reichen. Ist eine Szene abgedreht, kommt die nächste laut Tagesplan an die Reihe – sie wird aber selten etwas mit der logischen Abfolge im Film zu tun haben. Alles ist wieder auf Null gestellt; neue Darsteller, ein neues Umfeld muss arrangiert sein. Jeder aus dem Filmteam erhält täglich einen Arbeitsplan mit den vorgesehenen Drehszenen und exaktem Arbeitsbeginn; Pünktlichkeit ist Pflicht. Nur Josl, der Setrequisiteur, hat keinen festgelegten Arbeitsbeginn: sein Job ist es, dass zum Drehstart der anderen absolut alle relevanten Details bereitstehen. Ist morgens um 5.30 Uhr Drehbeginn, überlegt Wild am Abend zuvor, was getan werden muss, schreibt seinen Plan und errechnet selbst, wieviel Zeit vor Drehbeginn er vorsehen muss.

Obwohl nach jedem Filmprojekt der nächste Auftrag von einer ganz anderen Produktionsfirma vergeben wird, ist die Arbeit des Setrequisiteurs formal wie ein normales Angestellten­verhältnis organisiert. Bezahlt wird wie im Handwerk ein Stundenlohn – etwa 25 Euro sind realistisch – dazu kommen Überstunden, Wochenenden, freie Tage (die es in der Realität selten gibt) – sie werden angehängt, ebenso Urlaubsansprüche, auch Sozial­leistungen wie Rentenansprüche werden vergütet. Entsteht nach einem Auftrag eine Pause, meldet man sich arbeitslos. Für diese Berufssparte hat das Arbeitsamt eigene Ansprech­partner*innen. Für Wild ergibt das übers Jahr einen Arbeitsrhythmus, den er schätzt. Nach dem Nürnberg-Tatort folgt für ihn ein weiterer Tatort in Dresden, mit zwei Wochen Pause dazwischen. Ein neuer Kinofilm im Anschluss ist schon vereinbart. Wie es danach weitergeht, steht noch in den Sternen. Auch längere Phasen der Nicht­beschäftigung gibt es. „Man arbeitet entweder Nonstop oder hat ganz frei – das ist ganz nach meinem Geschmack“, so Wild. An seinem Wohnsitz in Leipzig spielt er in seiner Punkband „Ratzeputz“ Gitarre und Akkordeon, die erste CD ist in Produktion und soll nach Corona fertiggestellt werden. Der Drang zu Bauen und zu Basteln lässt ihm auch an freien Tagen keine Ruhe: Seine Wohnung hat er mit wandgroßen Terrarien bestückt, denn er sammelt und züchtet exotische Pflanzen und Tiere, wie Tausendfüßler, Frösche, Fische … Vieles, was er ausprobiert und baut, zeugt von seinem eigenwilligen Humor: in einer Vitrine liegt eine gruselige Tonmaske vom eigenen Gesicht abgenommen, die er einst für einen externen Auftraggeber entworfen hat.

Der Josl Wild beim Autor auf der Couch.                               (c) Foto: Budig

 

Wer sich das Setleben glamourös und spektakulär vorstellt, täuscht sich. Zwar gibt es traditionell drei Partys pro Film – vor dem Drehbeginn, in der Mitte und am Ende – doch da man immer wieder auf dieselben Kolleg*innen trifft, was Regieassistenz, Maske, Licht, Ton oder Kamera und auch Darsteller*innen betrifft, sind das eher launige Familientreffs als wilde Feten. Zwischen den Drehs begegnet man sich – eher nie. „Manchmal folgt man der Einladung auf ein Filmfestival, doch auch da hängt man immer mit denselben Leuten ab, trinkt ein Bier und geht seiner Wege.“ Der Job ist etwas für stressresistente Individualisten – das Privatleben leidet unter der Unplanbarkeit: „Ein paarmal schon kam ich vom Dreh zurück und die Freundin war weg“, erzählt er achselzuckend. Josl Wild hält das aus, er begreift sich als Einzelgänger mit Anschluss an seine Punk-Clique. „Ich bin ein Vagabund, das liegt mir im Blut“, sagt er und lacht.