IHRE KINDER Star Ernst Schultz zum 75.

Die Nürnberger Deutschrocklegende, die ein wenig zu früh dran war

Ernst Schultz zum 75. Geburtstag am 3. Oktober

 

Man darf ja immer ein bisschen träumen: Wenn man also selbst 75 Jahre alt würde, wäre ein leidlich erfolgreicher Rockmusiker gewesen, mit allem was dazu gehört, würde immer noch über 20 Konzerte im Jahr geben und gut aussehend aufrecht dasitzen, seine Gitarren spielen, Neues ersinnen, einigermaßen zufrieden sein, dann wäre es richtig gut gelaufen. Herzlichen Glückwunsch also, Ernst Schultz, zum 75. am 3. Oktober.

„Ernst Schultz“ ist doch ein tolles Pseudonym, fand 1971 ein Journalist des Münchener Merkur beim Interview, für einen Rockmusiker, der engagierte Texte auf deutsch singt. Trotzdem war es schlau, sich anfangs mit klingenden Bandnamen wie The Blizzards, Jonah & The Whales oder später IHRE KINDER  zu umgeben. Denn unter seinem Klarnamen Schultz hätte er damals als Solokünstler keine Chance gehabt.

Hit­paradenstürmer dieser Zeit, wie Tony Marshall (1971 „Schöne Maid“) hießen im echten Leben Herbert Anton Bloeth, Roy Black („Ganz in Weiß“) Gerhard Höllerich. Nur George Harrison („My Sweet Lord“) hieß George Harrison. Aber der sang auf Englisch, nicht auf Deutsch, wie IHRE KINDER, die Nürnberger Band, die 1969 damit als Wegbereiter für Udo Lindenberg gelten dürfen. „Auf Deutsch zu dichten war nicht nur nicht angesagt, die Sprache sperrt sich auch, sie ist lange nicht so geschmeidig wie das Englische“, erklärt der Texter Schultz.

Ein Mantel im Wind/ein Märchen/und Vater kauft nur gutes Gras/Wo ich saß bin ich schon lang nicht mehr/Ein Mantel im Wind/ein Märchen/dort fliegen die Schafe aus Glas in den Wald/wo sie verloren geh’n …“ das war etwas fundamental Anderes als „Schöööne Maid, hast du heut für mich Zeit“. Die Kritiker, ewige Schubladenbauer, nannten das Neue flugs „Krautrock“.

Mit diesem grafischen Einfall schaffte es Ernst Schultz auf das erste Plakat im September 1977: Rock auf dem Zeppelinfeld mit Stars wie Santana, Thin Lizzy, Udo Lindenberg und CHICAGO

https://museenblog-nuernberg.de/2016/06/02/rock-auf-dem-zeppelinfeld/

 

Ernst Schultz kam am 3. Oktober 1943 in Wreschen in der Provinz Posen auf dem Landgut der Eltern zur Welt. Als die sowjetische Armee heranrückte, floh die Mutter mit dem 1 ½-jährigen Sohn Richtung Westen, der Vater kämpfte den aussichtslosen Krieg in Frankreich zu Ende, wo er in US-Gefangenschaft geriet. Schultz: „Wir kamen pünktlich zu den Bombenangriffen der Alliierten in Dresden an. Als meine Mutter am Morgen nach dem ersten Angriff das Haus verließ, war es weit und breit das einzige, das noch stand. Die Welt um uns herum lag in Trümmern.“ So hätte leicht alles vorbei sein können, bevor es begann. Seine Jugendzeit verlebte er in Bad Kissingen. Der Vater kam irgend­wann aus Gefangenschaft zurück und erhielt 1958 einen Job in Nürnberg. So begann Schultz‘ Leben als Franke: „Ich hab mich hier immer sehr wohl gefühlt“, spottet der Zugereiste, „weil ich mich in Ruhe künstlerisch entwickeln konnte, ohne befürchten zu müssen, entdeckt zu werden.“

„Doch Jahre vergehn, /die Zeit bleibt nicht stehn./Wohin ich mich wende/ihr habt leere Hände für mich. Und Arbeit find ich nicht, /für mich brennt nur ein Licht/vor dem Gefängnistor.“ Ausgerechnet mit diesem Lied über einen entlassenen, chancenlosen Strafgefangenen, erleben „IHRE KINDER“ kurz vor Weihnachten 1970 einen Höhepunkt ihrer Karriere: Sie treten bei Dietmar Schönherr und Vivi Bach auf, gemeinsam mit den Bee Gees in „Wünsch Dir was“. Sofort liefen die Telefone heiß: „Wie könnt ihr in der Vorweihnachtszeit so langhaarige Gammler auftreten lassen?“ erinnert Schultz sich an erboste Zuschauer­reaktionen, „aber Schönherr hatte einen Skandal pro Show einkalkuliert und das waren an dem Abend eben wir“.

Es war die Zeit, als „IHRE KINDER“ 150-180 Konzerte im Jahr spielten und doch kaum mehr als ein paar hundert Mark im Monat nach Hause brachten. Schultz‘ Frau Heidi, mit der der studierte Grafiker und begeisterte Autodidakt an seinen Instrumenten seit 1967 verheiratet ist, 1968 kam Tochter Maiken zur Welt, „sorgte mit ihrem Bürojob dafür, dass ich meinen Musikertraum leben konnte. Ich arbeitete außerdem als Freier Grafiker. Ich klotzte immer eine Zeitlang ran, verdiente auch gut, aber dann gingen wir wieder auf Tournee oder nahmen eine neue Platte auf und ich rauschte wieder in die Miesen.“ Mehrmals stand die Band vor dem „großen Durchbruch“, den später Udo Lindenberg oder Grönemeyer, Nena & Co mit deutschen Texten geschafft haben. Irgendwie, erscheint es heute, waren sie mit ihren Themen, der gitarrenorientierten, schnörkel­losen Musik der Zeit immer einen Tick voraus. „Von Marketing konnte keine Rede sein“, erinnert sich Schultz. . „Es gab keine professionellen Musikmanager oder Agenten  und die Infrastruktur stimmte überhaupt nicht. All das begann erst kurz danach.“ Aber schon 1971 löste sich die Band nach internen Querelen auf. Nach fünf Platten war also erstmal Schluss. Erst 1982 und 1984 fanden sich IHRE KINDER in Originalbesetzung wieder, es entstanden die LPs live ’82 ‚Ein Herz für IHRE KINDER’ und 1984 ‚Heute – Die letzte Oper’. Im Jahr 2000 traf man sich nochmals musikalisch – beim 25. Bardentreffen um mit einer Nürnberg-Fürther Allstar­besetzung und vier übriggebliebenen ‚Kindern’ Abschied zu feiern.

Für Ernst Schultz, dessen Konzept, die Musik ernst zu nehmen aber zum Vergnügen zu betreiben, am Ende aufgegangen ist, ging es trotzdem weiter: Mit deutschen Übertragungen der Liedertexte von Bob Dylan, der einst mit seinen Songs der Grund war, überhaupt auf Deutsch zu singen, feierte Schultz 2006 auf „seinem“ Bardentreffen eine neuen Anfang Danach folgten 2003 die Produktionen „Go Lep Lai Lai“ nach einem Motorradurlaub in Thailand mit Holger Stamm, seinem Lieblingsgitarristen, und 2010 „Der Gesang der Freiheit“ für das buddhistische Waldkloster Muttodaya im Frankenwald. 2010 kam auch schließlich die Wiederveröffentlichung der letzten „IHRE KINDER“ LP ‚Heute-Die letzte Oper’ von 1984 auf CD. Seine aktuelle Band heißt „Wundertüte“ – Best Of Rock & Pop’ und „covert unsere Lieblingslieder“ zwischen 1958 und 1978, der Zeit, in der, nach Schultz’ Meinung das Wichtigste des Rock- und Pop-Repertoires entstand.

Ernst Schultz kurz vor seinem 75. Gbeurtstag in seinem Arbeitszimmer in Nürnberg/Gostenhof

Das Lebensmotto des Ernst Schultz stammt nicht vom Großmeister Dylan – auch nicht von Buddha. John Lennon hat es gedichtet: „All you need is love“, die Single erschien 1967, der Titel der B-Seite lautete „Baby You’re a Rich Man“. Das passt doch – recht betrachtet – auch gut, auf das Leben von Ernst Schultz.

Am 26.10. feiert Ernst Schultz mit seiner jetzigen (Cover-)Band „Die Wundertüte“ im Orpheum in Johannis (ab 20 Uhr) mit einem Freikonzert seinen Geburtstag. Gäste sind willkommen, Spenden für die Musiker ebenso!